Zum aktuellen Stand der deutschen Energiewende

Erfolgsgeschichte Energiewende“? McKinsey-Studie bescheinigt, dass Energiewende nicht auf dem Weg ist, die in sie gesetzten Hoffnungen zu erfüllen

Am 11. März 2011 kam es im Nordosten Japans zu einem schweren Erdbeben der Stärke 9. Das Erdbeben löste einen Tsunami mit bis zu 38 m hohen Flutwellen aus, die katastrophale Zerstörungswucht hatten. Über 18 000 Tote und Vermisste waren zu beklagen, mehr als 400 000 Wohngebäude wurden teilweise oder vollständig zerstört.

Als die Flutwellen am Ufer auf das Kernkraftwerk Fukushima trafen, verursachten sie mehrere schwerwiegende Reaktorunfälle bis hin zur Kernschmelze. Die Pumpen für die Kühlwasserversorgung der Reaktoren wurden überflutet und fielen elektrisch aus. Diese Vorgänge führten unter dem starken politischen Druck der Partei Bündnis 90/Die Grünen zur Festlegung der Bundesregierung, aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen, weil zu gefährlich. Direkte Todesopfer durch radioaktive Strahlung gab es in Fukushima keine.

Der Ausstieg aus der Kernenergienutzung ist ein Hauptziel der Energiewende, die 2011 von der Bundeskanzlerin verkündet wurde. Weiter gehören dazu der Klimaschutz als Staatsziel, die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energien als Primärenergieträger und die Erhöhung der Energieeffizienz bei der Energieanwendung. Für die einzelnen Teile der Energiewende in Deutschland wurden konkrete Zielstellungen formuliert.

Den internationalen Partnern in Politik und Wirtschaft wurde die deutsche Energiewende als Pioniertat für die globale Neuausrichtung der Energieversorgung vorgestellt. Seither sind 6 Jahre vergangen und das Interesse daran, was denn aus der deutschen Energiewende geworden ist, ist groß und ungebrochen. Die Energiewende zählt nach wie vor zu den größten wirtschaftlichen und ökologischen Projekten und Herausforderungen in Deutschland. Ihr Erfolg bildet die entscheidende Voraussetzung, um Deutschlands Beitrag zur Erfüllung des Pariser Klimaschutzabkommens zu gewährleisten und gleichzeitig unsere Wirtschaftsentwicklung positiv weiterzuführen. Wie der Stand der Energiewende tatsächlich ist, wird seit 2012 in halbjährlichem Abstand von der renommierten Unternehmensberatung McKinsey & Company objektiv mit einem Energiewende-Index bewertet.

Der Energiewende-Index bildet den Status der Energiewende in Deutschland anhand von 13 Indikatoren ab. Die Ziele der politischen Entscheidungsträger zu Beginn der Energiewende werden dem jeweils erreichten Stand gegenübergestellt. Bewertet werden die Bereiche Klima- und Umweltschutz (4 Indikatoren), Versorgungssicherheit (4 Indikatoren) und Wirtschaftlichkeit (5 Indikatoren). Für die Kernenergienutzung gilt als Ziel, im Jahr 2022 den letzten Reaktor stillzulegen.

Die folgenden Abbildungen zeigen die Gegenüberstellung der Indikatoren für die einzelnen Bereiche für das 2. Halbjahr 2016 und das 1. Halbjahr 2017 im Detail.

(Quellen: „Energiewende-Index Deutschland 2020+ – Neuer Kompass für die Wende“, Thomas Vahlenkamp u. a. in ENERGIEWIRTSCHAFTLICHE TAGESFRAGEN Heft 10/2017
Website www.mckinsey.de/energiewendeindex)

Ersichtlich ist, dass nur 5 der 13 Indikatoren im Zielkorridor liegen. Die Erreichung der Zielstellungen für die übrigen 8 Indikatoren gilt als unrealistisch. Es sind die Indikatoren: Haushaltsstrompreise, Industriestrompreise, Erneuerbare-Energien-Umlage (Subventionierung), Ausbau der Übertragungsnetze, Kosten für Netzeingriffe, Senkung des CO2-Ausstoßes, Primärenergieverbrauch und Stromverbrauch. Das ist eine ernüchternde Zwischenbilanz für das Jahresende 2017 und sollte Politikern und Fachleuten gleichermaßen zu denken geben, was den Erfolg der deutschen Energiewende betrifft. Nach der Bundestagswahl 2017 werden jetzt die ersten Stimmen laut, die „ein Neudenken der Energiewende“ fordern. Was dieses Neudenken bedeutet, wird von der nationalen und internationalen Öffentlichkeit sicherlich sehr aufmerksam verfolgt werden.

Dr. Helmut Pöltelt
Landespolitischer Sprecher Energieversorgung der BVB / FREIEN WÄHLER